E-ID – die Schweiz hat Aufholbedarf

Im Vergleich zur Europäischen Union ist die Schweiz bei der Verbreitung der E-ID im Hintertreffen, da noch keine entsprechende Gesetzesgrundlage besteht. Doch spätestens nach der anstehenden Volksabstimmung zum E-ID-Gesetz werden die Rahmenbedingungen geregelt sein. Ein guter Moment also, um sich strategisch fit zu machen und konkrete Handlungsfelder zu identifizieren.

Rückblick

Die E-ID in der Schweiz hat eine lange Geschichte. Bereits 2010 wird mit der SuisseID ein Ladenhüter lanciert. Ende 2016 treten dann zwei Gruppen mit konkreten Projekten an: einerseits die UBS, die Credit Suisse und die Swisscom, andererseits die SBB und die Schweizerische Post (SwissID) (1).

Währenddessen präsentiert der Bundesrat 2017 den Entwurf zum Bundesgesetz über anerkannte elektronische Identifizierungseinheiten (E-ID-Gesetz) (2). Dieser Entwurf sieht ein Konzept der Aufgabenteilung zwischen Staat und Privatwirtschaft vor, bei dem der Staat die notwendigen rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen vorgibt, die Projektumsetzung aber bei der Privatwirtschaft liegt.

Im Juni 2018 verabschiedet der Bundesrat die Botschaft zum E-ID-Gesetz. Daraufhin bringt ein Komitee mit 64’933 beglaubigten Unterschriften erfolgreich ein Referendum zustande.(3) Das Komitee argumentiert, dass das E-ID-Gesetz zu einem historischen Systemwechsel führe. Anstelle von Passbüros würden in Zukunft private Unternehmen wie Grossbanken und staatsnahe Konzerne diese digitale ID ausstellen und die entsprechenden sensiblen Daten verwalten. Das Referendum will erreichen, dass der Staat Ausgabestelle und nicht nur Kontrollorgan für die E-ID ist. An der Volksabstimmung vom 7. März 2021 ist der Gesetzesvorschlag vom Volk abgelehnt worden. Es soll nun eine rein staatliche Lösung erarbeitet und vorgeschlagen werden.

Ein Vergleich mit den Ländern der Europäischen Union (EU) zeigt, dass die meisten Länder bereits digitale ID-Mittel lanciert haben. In einem Grossteil der Länder sind verschiedene privatwirtschaftliche Lösungen auf dem Markt. In Deutschland, Finnland und Holland werden zusätzlich auch Lösungen in öffentlich-privaten Partnerschaften angeboten, während wenige Länder, wie z. B. Estland oder Dänemark, ausschliesslich auf eine komplett staatliche Lösung setzen (4).

Blick auf die EU

Der Blick auf die EU macht klar, dass beide Szenarien und zum Teil sogar Mischformen praxistauglich sind. Über die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer kann sich vorstellen, für private und Behördendienste eine einheitliche digitale Identität zu nutzen, wie eine Studie der Initiative D21 ergeben hat (5) – Tendenz steigend. Das Beispiel der aktuellen Teilnehmerliste von SwissID zeigt, dass neben Banken, Versicherungen und Post bereits heute zahlreiche Kantonsverwaltungen, Krankenkassen oder Unternehmen im Immobilien- oder Finanzierungsbereich viele Anwendungsfälle mit der E-ID verknüpfen.

Die E-ID legt die Grundlage für die eindeutige Identifikation bei der Abwicklung besonders sensibler Onlinevorgänge wie Onlineshopping, Abstimmungen und Wahlen, E-Steuerrechnungen und Online-Vertragsabschlüsse. Für die erfolgreiche Verbreitung einer nationalen E-ID-Lösung ist eine Gesetzesgrundlage nötig, welche die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen festlegt. Genauso wichtig ist aber, dass die künftige Lösung punkto Einrichtung und Bedienbarkeit äusserst einfach ist und dass die Anbieter das Vertrauen der Konsumenten gewinnen können. Immerhin geht es bei den Anwendungsfällen auch um besonders schützenswerte Daten im Sinne des schweizerischen Datenschutzgesetzes wie u. a. religiöse, weltanschauliche, politische oder gewerkschaftliche Ansichten oder Tätigkeiten, Gesundheit, Intimsphäre, Rassenzugehörigkeit oder strafrechtliche Sanktionen.

Einsatzgebiete E-ID für Finnova Community

Für die Finnova Community zeichnen sich im näheren und weiteren Umfeld zahlreiche Einsatzgebiete für die E-ID ab: digitales Client Onboarding, Login für E-Banking, Mobile Banking und Portal sowie Vertragsunterzeichnungen im Kontext von digitalen Signaturen. Etwas weiter gedacht, lassen sich im Hinblick auf Open Banking verschiedene Services unter einer digitalen Identität bündeln. So könnten Kunden künftig eine 360-GradSicht auf ihre Vermögens- und Vorsorgesituation erhalten, die weit über die Multibanking-Idee hinausgeht. Alle Vermögenswerte inklusive beruflicher Vorsorge und Tokens physischer Objekte, Versicherungspolicen, Steuerunterlagen, Verträge, Garantiescheine etc. wären unter einer digitalen Identität abrufbar. Eine Vision, die vielleicht in absehbarer Zukunft Realität wird.

Für Finnova ist die digitale Identität ein wichtiges Handlungsfeld, das wir aktiv bewirtschaften. Zusammen mit Universitäten und Fachhochschulen sowie unseren Ecosystem-Partnern arbeiten wir an künftigen innovativen Services für Finnova-Produkte wie E-Banking, Mobile Banking und Portal, aber auch im Kontext der Open-Banking-Plattformen

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1 https://www.moneytoday.ch/lexikon/digitale-identitaet-schweiz/
2 https://www.bj.admin.ch/bj/de/home/staat/gesetzgebung/e-id.html
3 https://www.e-id-referendum.ch/
4 https://asquared.company/blog/e-identity-loesungen-in-europa-ein-europaeischer-vergleich-686/
5 https://www.netzwoche.ch/news/2018-11-07/e-gov-schweizer-wuenschen-sich-onlineangebote-doch-bei-der-nutzung-hakt-es